FamilyOne: Seit wann beschäftigen Sie sich mit Ahnenforschung?
Dr. Jahn: Seit über 25 Jahren.
FamilyOne: Wie sind Sie zur Genealogie gekommen?
Dr. Jahn: Über die Geschichte. Seit meiner Grundschulzeit beschäftige ich mich damit. Genealogie ist im wesentlichen Familiengeschichte, die sich mit konkreten Menschen in ihrem familiären Umfeld beschäftigt. Wissenschaftliche Genealogie ist die Lehre von den auf Abstammung beruhenden Zusammenhängen zwischen Menschen (Forst de Battaglia).
FamilyOne: Wie hat sich das Interesse an Genealogie bei Privatleuten in den letzten Jahren entwickelt?
Dr. Jahn: Marktstudien betreibe ich nicht. Insgesamt ist aber eine Zunahme des Interesses festzustellen.
FamilyOne: Welche Bevölkerungsgruppe interessiert sich am meisten für Ahnenforschung?
Dr. Jahn: Einmal Angehörige der einzelnen Adelsfamilien, aber auch diejenigen, die sich generell für Geschichte interessieren.
FamilyOne: Für wen recherchieren Sie in der Regel? Als reine Forschung oder sind es Auftragsarbeiten?
Dr. Jahn: Sowohl als auch. Als promovierter Historiker mit Archiverfahrung beschäftige ich mich professionell mit der Genealogie. Ich verfasse Bücher und Aufsätze zu historischen und genealogischen Themen, werde aber auch von Institutionen, Fernsehsendern, Unternehmen oder auch Privatleuten beauftragt, die über ein bestimmtes Thema geforscht haben wollen. Beim zweibändigen „Genealogisch-Etymologischen Lexikon“ von Johann Heinrich Barth war ich historischer Berater. Dort kann man 46.000 deutsche und lateinische Begriffe nachschlagen, die in familienkundlichen Quellen zu finden sind. Inzwischen auch als Datenbank-CD.
Auftragsarbeiten bedeutet natürlich nicht, daß man ein Ergebnis oder Abstammung kaufen kann. Wie die Ahnentafel letztlich aussieht, hängt von den historischen Fakten und nicht vom Wunsch des Kunden ab.
FamilyOne: Falls letzteres zutrifft: Was kostet die Recherche?
Dr. Jahn: Jede Recherche ist maßgeschneidert, daher kann man die Frage nicht generell beantworten. Berechnet wird nach Aufwand. Bezahlt wird in der Regel nach Arbeitsblöcken, d.h. der Kunde zahlt für einen bestimmten Stundenaufwand. Dann präsentiere ich ihm meine Ergebnisse. Dann entscheidet er, ob er weiterforschen lassen möchte oder nicht. So sind die Kosten immer überschaubar.
FamilyOne: Welcher Rechercheweg ist der effektivste, um selbständig Ahnenforschung zu betreiben?
Dr. Jahn: Man soll das Rad nicht neu erfinden! Zu Beginn einfach alles sammeln, was in der Familie an Unterlagen über die Vorfahren schon vorhanden ist. Gibt es den Abstammungsnachweis des Großvaters noch? Hat irgendein Cousin, Onkel etc. sich schon näher mit der Familiengeschichte beschäftigt? Man geht erst dann ins Archiv, wenn man nicht mehr weiterkommt. Eine Archivsuche ist aber nur dann sinnvoll, wenn man ungefähr weiß, was man konkret sucht und daß man die Antwort dort auch finden kann. Kirchenbücher und Standesamts-Register sind am ergiebigsten.
FamilyOne: Hat sich das Internet als hilfreiches Mittel herausgestellt oder bevorzugen die Rechercheure traditionelle Wege wie Bibliotheken, Archive, Ämter?
Dr. Jahn: Das Internet ist für eine genealogische Forschung überaus wichtig. Es bringt in der Regel aber nur etwas, wenn man entweder einer bedeutenden Familie angehört oder aber seine Vorfahren bereits 250-300 Jahren zurückverfolgen kann. Die Qualität der genealogischen Datenbanken ist sehr unterschiedlich. Man muß daher in der Lage sein, die Spreu vom Weizen zu trennen. Sehr wichtig sind auch gute Bibliotheken mit Fernleihemöglichkeit, aber auch Mailinglisten von genealogischen Vereinen. Archive und Ämter sind nach wie vor sehr wichtig, aber nur wenn man die Informationen nicht anderweitig besorgen kann. Für einen Freiberufler spielt der Zeit- und Kostenfaktor eine entscheidende Rolle. Forschung muß bezahlbar sein!
Eines noch zum Internet: Die meisten genealogischen Homepages sind auf Englisch. Leider besteht oft die Unart, Adelstitel zu übersetzen. Das sollte man tunlichst unterlassen. Adelstitel sind seit 1919 Namensbestandteile und dürfen nicht übersetzt werden. Auch ist der Vergleich von ausländischen mit deutschen Adelstiteln sehr problematisch.
FamilyOne: Wie gehen Sie bei der Recherche vor?
Dr. Jahn: Erst werden alle Informationen gesammelt, dann werden diese ausgewertet und schließlich ergeben sich daraus die weiteren Schritte. Ein Historiker ist kein Erfinder, sondern ein Finder von Informationen, die irgendwo schriftlich niedergelegt wurden. Er muß die Relevanz einer Information erkennen und zwischen den Zeilen lesen können. Er braucht Archiverfahrung, eine sehr gute Allgemeinbildung und kriminalistisches Gespür. Auch muß man die Strukturen sehr gut kennen. Auf jeden Fall kommt es auf die Quantität und Qualität der schriftlichen Überlieferung an. Und die ist in jedem Fall anders.
FamilyOne: Wie viele Generationen lassen sich im Durchschnitt zurückverfolgen?
Dr. Jahn: Das ist sehr schwer zu sagen, da es – wie gesagt – auf die schriftliche Überlieferung ankommt. Ist ein Vorfahre ein uneheliches Kind gewesen, ist man oft an einen toten Punkt angelangt. Meist ist im 17. Jahrhundert Schluß, da damals die Kirchenbücher angelegt wurden. Vielleicht gibt es aus der Vorzeit Behandigungsurkunden, Pachtverträge, Lehnsbriefe etc., der man weitere Informationen entnehmen kann.
Am Anfang weiß man oft nicht, wie weit man kommt. Bei einem Kunden konnte ich herausbekommen, daß er von Kaiser Otto dem Großen (+973) abstammt und wie er mit den noch regierenden Monarchen Europas verwandt ist.
FamilyOne: Wieso ist den Menschen ihre Abstammung und Familiengeschichte so wichtig?
Dr. Jahn: Der Mensch ist das Produkt seiner Vorfahren und wächst in der Regel auch bei seinen Eltern auf. Es ist ein natürliches Bedürfnis möglichst viel darüber zu wissen. Bei einer Familiengeschichte hat man es zudem mit konkreten Personen zu tun, die in historischen Situationen so gelebt und gehandelt haben, wie es die schriftliche Überlieferung erkennen läßt und nicht wie eine soziologische Theorie es mit vielen Fremdwörtern zu erklären versucht. Die eigene Familiengeschichte erlaubt eine ganz andere Perspektive als in den Geschichtsbüchern.
FamilyOne: Kann Genealogie Familien emotional stärken?
Dr. Jahn: Ja! Das sieht man insbesondere bei Adelsfamilien, die zum Teil in Familienverbänden organisiert sind und Familientage abhalten. Sie tragen denselben Namen und haben dasselbe Wappen, aber der letzte gemeinsame Vorfahren hat vielleicht schon vor 300 Jahren gelebt. Trotzdem gibt es ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl.
FamilyOne: Erinnern Sie sich an eine besonders bemerkenswerte Forschung?
Dr. Jahn: Unzweifelhaft Schiller! In der Forschung ist es umstritten, welcher von zwei Schädeln der seine ist. Für den Mitteldeutschen Rundfunk und die Stiftung Klassik Weimar ist es meine Aufgabe genügend Verwandte des Vater- und Mutterstammes zu ermitteln, die für einen DNS-Vergleich in Frage kommen. Das Ergebnis wird voraussichtlich im November im Fernsehen zu sehen sein.
Bei der Exhumierung des Schiller-Skelettes in der Fürstengruft zu Weimar um Mitternacht durfte ich assistieren. Ein unvergleichliches Erlebnis!
FamilyOne: Wie könnte sich der Stammbaum auf Paris Hiltons Ansehen auswirken? Hatten Sie schon Fälle, in denen Personen von Adel etc. in der Familie profitiert haben?
Dr. Jahn: Ein Adelstitel, der heute rechtlich nur noch Namensbestandteil ist, stellt unzweifelhaft ein soziales Kapital dar, aber nur wenn man sich in einer bestimmten Position befindet. Da viele Adelsfamilien oft sehr kinderreich sind, gibt es auch Prinzen und Prinzessinnen, die in einer Zweizimmerwohnung leben und als einfach Beschäftigte ihren Lebensunterhalt selbst verdienen müssen. Mir ist eine Urenkelin des letzten Königs von Sachsen bekannt, die als Bedienung in einem Imbiß arbeitet. Ihre Tochter versuchte bei „Popstars“ ihren Prinzessinnen-Namensbestandteil zum Sprungbrett für eine Gesangskarriere zu nutzen. In den Medien wird sie oft als „deutsche Paris Hilton“ bezeichnet. Bei Pro 7 wurde sie zur „Vize-Burgkönigin“ gewählt.
Paris Hilton ist Paris Hilton! Sie hat sich selbst als Produkt geschaffen und damit bis jetzt – geschätzt – über 135 Millionen Dollar selbst verdient, also mehr als – voraussichtlich - ihr eigenes Erbteil betragen wird. Sie hat es geschafft bekannter zu werden als die Hotelkette ihrer eigenen Familie. Daher glaube ich nicht, daß der Stammbaum einen großen Einfluß auf ihr Ansehen haben wird. Paris weiß nicht einmal mit Sicherheit, wer ihr Großvater mütterlicherseits war. Jetzt aber hat sie die Möglichkeit nachzuschauen, wie sie von Karl dem Großen abstammt. Er ist ihr Vorfahre Nr. 13.307.362.148.216. Stolz sein kann sie aber auf ihren Vorfahren Nr. 580, Colonel George Mason (1725-1792). Dieser formulierte die Virginia Bill of Rights (1776), die sowohl für Teile der Unabhängigkeitserklärung als auch für die spätere Bill of Rights (Grundrechtekatalog) der amerikanischen Verfassung das Modell abgab.
FamilyOne: Könnte das Ansehen von Paris Hilton wachsen, wenn sich herausstellt, dass sie adlige Vorfahren hat?
Dr. Jahn: Ich glaube nicht. Man muß schon einige Jahrhunderte zurückgehen, bis man adelige Vorfahren findet. Der Stiefvater ihrer Großtante Francesca Hilton, das weiß Paris, ist der berühmt-berüchtigte Frederic Prinz von Anhalt, der aber nicht, wie es sein Name vermuten läßt, dem Adel angehört. Er hat sich von der Schwiegertochter des letzten Deutschen Kaisers adoptieren lassen, um an den auffallenden Namen zu gelangen. Er ist seit 1986 Ehemann von Zsa Zsa Gabor, der Stiefurgroßmutter von Paris.
FamilyOne: Herr Dr. Jahn, vielen Dank für das Interview!
Dr. Ralf G. Jahns Seite im Internet: www.adel-genealogie.de