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Interviews

Interview mit Prof. Jürgen Udolph, Professor für Onomastik an der Universität Leipzig am 22. August 2007

FamilyOne: Bitte stellen Sie sich kurz vor!

Dr. Udolph: Jürgen Udolph, geboren 1943, Sprachwissenschaftler, Namenforscher, seit 2000 Professor für Onomastik (Namenforschung) an der Universität Leipzig, der einzigen Professur, die es für dieses Fach in Deutschland gibt.

FamilyOne: Worin besteht Ihre Tätigkeit?

Dr. Udolph: Lehre und Forschung, die klassischen Arbeitsbereiche eines Hochschullehrers.

Lehre: Betreuung des Studienganges „Onomastik“, ein auslaufender Magister-Nebenfach-Studiengang, denn die Umstellung von Deutschlands Universitäten auf Master und Bachelor trifft auch uns. Daher sind im Augenblick auch keine Einschreibungen in unser Fach möglich, dieses wird erst wieder mit dem Wintersemester 2008/2009 der Fall sein, wenn der Masterstudiengang Onomastik/Namenkunde in Leipzig beginnt. Es dürfte dann weltweit der einzige Studiengang dieser Art sein. Vor allem unterrichte ich die Studierenden auf folgenden Feldern der Namenforschung: Orts- und Siedlungsnamen, Gewässernamen, Familiennamen, Flurnamen, sprachhistorische Aspekte, Namen und Geschichte.

Forschung: Herausgabe des „Niedersächsischen Ortsnamenbuchs“, Arbeit an Ortsnamen Sachsen-Anhalts, Leitung des Projektes „Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe - Onomastik im europäischen Raum“ (Internet-Seite: www.ortsnamen.net), Gewässernamen, Familiennamen.

FamilyOne: Seit wann beschäftigen Sie sich mit der Namensforschung? Wie sind Sie zur Namensforschung gekommen?

Dr. Udolph: Seit dem 20. Januar 1970, als mir mein wissenschaftlicher Lehrer W.P. Schmid in Göttingen riet, über slawische Gewässernamen zu arbeiten. Gewässernamen sind deshalb von Interesse, weil sie die ältesten Namen sind und für die Vor- und Frühgeschichte von entscheidender Bedeutung. Daraus entstand die Dissertation Studien zu slawischen Gewässernamen und Gewässerbezeichungen (1979). Ich habe diese Arbeit vertieft durch Untersuchungen zu den vorslawischen Gewässernamen, einer Schicht von Namen, die indogermanischer (indoeuropäischer) Herkunft ist, und bin dann zu germanischen Gewässer- und Ortsnamen gestoßen. Erst spät kamen die Familiennamen in mein Blickfeld, die aber für jeden Menschen von besonderem Interesse sind. Medien halfen dann, die Sache zu verbreiten. Inzwischen ist die Leipziger Namenforschung ein ständiger Anlaufpunkt für Presse, Rundfunk und Fernsehen.

FamilyOne: Wie sehen Sie die Bedeutung und das Potenzial des Internet für die Namensforschung?

Dr. Udolph: Es ist überhaupt keine Frage, dass man das Internet vor allem für die Familiennamen nutzen muss. Wer dieses Potenzial vernachlässigt, wird entscheidende Erkenntnisse nicht finden können. Für die Ortsnamen- und Gewässernamenforschung sieht das etwas anders aus. Bei der Deutung dieser Namen steht viel Laienhaftes im Netz, das von einem Experten immer erst gesäubert werden muss. Allerdings kann man erkennen, dass auch hier die Qualität steigt.

FamilyOne: Welche Quellen nutzen Sie neben dem Internet?

Dr. Udolph: Wir kommen in unserer Namenberatung ohne Fachliteratur überhaupt nicht aus. Es gibt allein für die Familiennamen des deutschen Sprachraums zahlreiche Werke, die eingesehen werden müssen. Es gibt kein einziges Buch, in dem man alle Namen nachschlagen könnte. Angesichts einer knappen Million unterschiedlicher Familiennamen allein in Deutschland ist das auch nicht zu erwarten. Aber wir haben ja auch Familiennamen aus Ost- und Südosteuropa, die – reine Schätzung – aus ca. 25 verschiedenen Sprachen stammen. Also muss man sich auch in der Literatur dieser Bereiche auskennen. Hinzu kommt die Notwendigkeit, sich auch mit der Sprachgeschichte zu befassen. Da Namen zumeist aus älteren Sprachstufen kommen, muss die Namenforschung sich auch mit diesen Sprachstufen befassen. Wir benötigen also Wörterbücher, Grammatiken, Dialektlexika usw.

FamilyOne: Was raten Sie Neueinsteigern? Wie sollte man mit der persönlichen Namensforschung beginnen?

Dr. Udolph: Zunächst recht einfach: die noch lebenden Mitglieder der Familie befragen. Schon nach kurzer Zeit wird man mit Namen konfrontiert, die man zuvor noch gar nicht gehört hatte. Bei der Suche nach dem Ursprung des Namens gibt es im Internet inzwischen Seiten und Foren, die recht gute Anleitungen geben, z.B. www.Onomastik.com. Wichtig ist die Verbreitung des jeweiligen Familiennamens, hier helfen die Seiten geogen – Christoph Stöpel: http://christoph.stoepel.net/geogen/v3/ und www.gen-evolu.de. Wertvoll – und zudem kostenlos – ist der Blick auf die Mormonenseite familysearch.org, die die Daten von ca. 700 Millionen Menschen enthält. Fast immer helfen mir diese Angaben bei der Frage, woher der Name eigentlich kommt.

Dieses ist nämlich der erste und zunächst wichtigste Schritt: bevor ich darüber nachdenke, ob der Name aus dem Hoch- oder Niederdeutschen, dem Polnischen, Tschechischen oder Französischen kommt, ist es entscheidend zu wissen, woher die Vorfahren kommen. So gibt es große Unterschiede in der Streuung der Familiennamen von Einheimischen und Flüchtlingen. Allein schon daraus kann oft man erkennen, wo die Suche weitergeführt werden muss.

Der weitere Weg ist vielfältig und lässt sich nicht einfach darstellen, kein Wunder bei fast einer Million Namen in Deutschland. Es gibt eine Reihe von Standardwerken, die man rasch findet, wenn man den Hinweisen und Diskussionen im Internet folgt.

FamilyOne: Wie ist Ihr persönlicher Eindruck: Ist das Interesse an der eigenen Herkunft und somit an der Namensforschung in den vergangenen Jahren gestiegen?

Dr. Udolph: Es ist keine Frage, dass mit dem Beginn der regelmäßigen Telefonsendungen bei Radio Eins (RBB, früher ORB) im Jahre 1998 ein Boom ausgelöst wurde, der immer noch anhält. Die Entwicklung des Internet fördert diese Tendenz. Im Prinzip ist es ein Schneeball-System: Jemandem wird der Name erklärt, er erzählt das weiter, wodurch bei anderen das Interesse geweckt wird usw.

FamilyOne: Wie viele Gutachten erstellen Sie monatlich?

Dr. Udolph: Diese Arbeit erledigen heute im wesentlichen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Namenberatung der Universität Leipzig. Da jede Namendeutung im Grunde genommen eine wissenschaftliche Analyse ist, dauert das seine Zeit. Fast 10 junge Wissenschaftler sind damit jetzt schon beschäftigt, ca. 200 Gutachten können monatlich erstellt werden.

FamilyOne: Woher kommt Ihr eigener Name: Udolph?

Dr. Udolph: Im Namen Udolf, Udolph liegen die germanischen Elemente aud- + -wolf zugrunde. Dabei ist das zweite Element –wolf schon sehr früh zu –olf verkürzt worden. Zugrunde liegt natürlich Wolf, das in den germanischen Sprachen wie folgt belegt ist: althochdeutsch wolf, altniederdeutsch wulf, mittelniederländisch wolf, wulf, niederländisch wolf, altenglisch wulf, englisch wolf, altnordisch ūlfr, schwedisch ulv, gotisch wulfs. Im ersten Teil des Namens Udolf, Udolph, dem sogenannten Bestimmungswort, steht altgermanisch aud-. Es bedeutet „Besitz, Reichtum“ und ist wie folgt in den germanischen Sprachen bezeugt: altisländisch auđr-, neuisländisch auđur, färöisch eyđur, norwegisch aud-, altschwedisch öþer, schwedisch öd „Besitz, Reichtum“, altenglisch ēad „Reichtum, Glück“, altsächsisch ōd „Besitz“, mittelhochdeutsch klein-ōt, niederländisch klein-ood „Schmuckgegenstand“ (heute noch in dt. Kleinod, Kleinodien), gotisch audahafts „beglückt“, audags „vom Schicksal begabt“ oder „vom Schicksal beschenkt“, audagjan „selig preisen“, audagei „Seligkeit“. Somit ergibt sich für Udolf, Udolph eine Verbindung aus aud- „Besitz“ + wolf „Wolf“. Man kann die alten germanischen Namen nur selten übersetzen; man verband zwei Elemente miteinander, ohne noch nach einem zusammenhängenden Sinn zu fragen. Manchmal ergibt dieses einen Sinn, bei Udolf/Udolph aber nicht mehr; Wolf + Besitz können zu keinem vernünftigen Wort zusammengefügt werden. Das ist bei vielen altgermanischen Personennamen so.

FamilyOne: Fallen Ihnen spontan Namen ein, deren Bedeutung Sie nach ihrer Erforschung sehr überrascht oder zum Schmunzeln gebracht haben?

Dr. Udolph: Aus ganz verschiedenen Gründen habe ich mir mal notiert:

  • Auditor (latein. Hörer, Schüler),
  • Beilfuß (aus german. *Bili-funs, Schwert + funs „rasch, tätig“),
  • Bleifuß (Umdeutung aus Blaufuß, Name eines Falken = Falkner),
  • Fruböse/Froböse „früh schlecht, früh verdorben“,
  • Hünermund (altgerman. Personenname, aus hun- „groß, Hüne“ + mund „Schutz“, vgl. Vormund, Mündel),
  • Jütersonke, Umdeutung aus slav. jutrzenka „Morgenstern“,
  • Kannewischer, aus Kannewischer, gehört zum Zinnkraut (mit diesem säuberte man Kannen),
  • Käsemodel (zu dt. Käsemodel „Form aus Holz“, wahrscheinlich Schnitzer eines Models),
  • Kindervater „Lehrer, Erzieher“,
  • Maiworm (zu dem Namen eines Wurms, aus dem man Salbe und Farbe herstellte).

FamilyOne: Herr Dr. Udolph, vielen Dank für das Interview!


Prof. J. Udolphs Seite im Internet: http://www.onomastik.com/namenberatung_leipzig.php